Interview mit Anne Pirwitz – Koordinierungsstelle Ostdeutschland-Frankreich

Das Bild zeigt Anne Pirwitz die Vorsitzende der Koordinierungsstelle Ostdeutschland-Frankreich, deren Logo im Bild eingeblendet ist.

Im Rahmen unserer Serie „La parole est à vous – Sie haben das Wort“ spricht EuroRekruter mit Menschen, die im deutsch-französischen Kontext aktiv sind. In dieser Ausgabe berichtet Anne Pirwitz von den Herausforderungen der deutsch-französischen Beziehungen aus ostdeutscher Perspektive und von ihrer Arbeit als Vorsitzende der kürzlich gegründeten Koordinierungsstelle Ostdeutschland-Frankreich e.V. (KOF).

Können Sie sich kurz vorstellen?

Mein Name ist Anne Pirwitz und ich bin Vorsitzende der Koordinierungsstelle Ostdeutschland-Frankreich e.V. (KOF), die am 13.03.2023 in Berlin gegründet wurde. Weiterhin bin ich wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl Kulturen Romanischer Länder am Institut für Romanistik der Universität Potsdam und schließe zudem gerade meine Dissertation an der Universität Passau ab.

Woher kommt Ihr Interesse für deutsch-französische Themen?

Ich habe mein Interesse an Frankreich als Schülerin entdeckt durch den Austausch meiner Heimatstadt Egeln in Sachsen-Anhalt mit unserer französischen Partnerstadt Mûrs-Erigné. Die Jahre, in denen ich am Städtepartnerschaftsaustausch teilgenommen habe, haben mich sehr geprägt. Später habe ich mich u.a. als Juniorbotschafterin des Deutsch-Französischen Jugendwerks engagiert, ein Praktikum beim DFJW absolviert und selbst verschiedene Jugendbegegnungen organisiert und geleitet. Ich habe in Halle und Potsdam Romanistik studiert und ein Erasmussemester an der Universität Lille verbracht. Als Dozentin an der Uni Potsdam habe ich nun selbst die Möglichkeit Studierende über die Geschichte der deutsch-französischen Beziehungen, die mir besonders am Herzen liegen, zu informieren.

Im März 2023 wurde die Koordinierungsstelle Ostdeutschland-Frankreich gegründet (KOF). Wer hatte die Idee zu diesem Projekt?

Der Gründung der KOF gingen mehrere Ereignisse voraus.

1.    2010 lernte ich die jetzige stellvertretende Vorsitzende der KOF, Prof. Dr. Dorothee Röseberg, als Dozentin während meines Romanistik-Studiums kennen.

2.    Fast zehn Jahre später war ich dann selbst wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Potsdam und bot im Sommersemester 2021 erstmals ein Seminar über Frankreich und die DDR an. Dabei brachte ich Studierende mit Zeitzeug*innen ins Gespräch, was auf beiden Seiten sehr gut ankam. Daraufhin beschloss ich, das Thema  einem über die Universität hinausgehenden Publikum zugänglich zu machen. Es sollte ein Film entstehen, der sich den Begegnungsmöglichkeiten der Menschen aus der DDR und Frankreich widmet.

3.    Ich reaktivierte meinen Kontakt zu Dorothee Röseberg und in kürzester Zeit fanden sich zahlreiche Zeitzeug*innen, die dabei helfen wollten, diese oftmals von den Medien und der Politik vergessene Seite der deutsch-französischen Geschichte in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken. Anfang 2022 drehten die Studierenden der Universität Potsdam und der Partneruniversität Bordeaux-Montaigne einen Beitrag für die Sendung Kulturen im Fokus und gestalteten eine Plakat-Ausstellung (Film und Plakate sind auf unserer Webseite zu finden, oder direkt auf YouTube). Das Projekt erhielt von verschiedenen Seiten viel Zuspruch.

4.    In der Zwischenzeit entstand unter der Leitung von Dr. Claire Demesmay beim Deutsch-Französischen Jugendwerk die Panoramastudie In weiter Ferne, so nah: Potenzial und Herausforderungen der ostdeutsch-französischen Kooperation, die klare Defizite der heutigen Beziehungen zwischen Frankreich und Ostdeutschland aufzeigt. Mehrere Akteure der ostdeutsch-französischen Beziehungen reagierten auf diese Studie und wollten mit neuem Elan an einer Verbesserung arbeiten. So entstand beispielsweise die ‚Frankreich Initiative Ostdeutschland‘ (FIOst) des deutsch-französischen Wirtschaftskreises.

5.    Die positive Resonanz auf das Frankreich-DDR-Projekt, die besorgniserregenden Ergebnisse der Panoramastudie und die neue Aufmerksamkeit für diese Themen führten zu einem weiteren Projekt, dem deutsch-französischen Netzwerktreffen „Histoire du présent et visions d’avenir“, bei dem im Februar 2023 jegliche Akteure des ‚franco-allemand‘ aus Potsdam und Umgebung im Bildungsforum Potsdam zusammenkamen und gemeinsam über die besondere Geschichte der deutsch-französischen Beziehungen in dieser Region sowie den aktuellen Stand und die Wünsche für die Zukunft diskutierten.

6.    Da die Sichtbarmachung der ostdeutsch-französischen Beziehungen und der neue Aufwind nicht auf Potsdam begrenzt bleiben sollten, beschloss ich gemeinsam mit Dorothee Röseberg und der Zeitzeugin Françoise Bertrand einen Verein zu gründen, der sich für die Stärkung der Beziehungen zwischen Frankreich und Ostdeutschland einsetzt.

Wie muss man sich das Team und die Arbeit konkret vorstellen?

Jeder kann Mitglied in der KOF werden. Die Mitglieder der KOF können sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten und Interessengebieten in einem oder mehreren Schwerpunktthemen einbringen. Wir arbeiten ehrenamtlich und viele von uns sind hauptamtlich in einem anderen Job tätig, der im engeren oder weiteren Sinne mit den deutsch-französischen Beziehungen zu tun hat.

Auf langfristige Sicht würde es die Arbeit der KOF erheblich erleichtern und eine Intensivierung ihrer Aktivitäten ermöglichen, wenn ein*e hauptamtliche*r Geschäftsführer*in ernannt werden könnte. Jedoch fehlt hierfür die Finanzierungsmöglichkeit, so dass wir wohl weiterhin ehrenamtlich arbeiten werden.

Konkret geplante Aktivitäten sind u.a. Organisation und Durchführung von Netzwerktreffen von Akteuren aus den Bereichen Schule, Universität, Forschung, Zivilgesellschaft (Kultur- und Städtepartnerschaftsvereine), Wirtschaft und Lokalpolitik.
Auch möchten wir ostdeutsche Reiseziele für französische Tourist*innen präsentieren. Dazu haben wir die Rubrik „Découvrez l’Allemagne de l’Est“ auf unserer Webseite eingerichtet.

Zum anderen besteht das Anliegen der KOF darin, alle Initiativen in Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen sichtbarer zu machen, die bereits im ostdeutsch-französischen Kontext aktiv sind und diese miteinander zu vernetzen. Hierzu haben wir bereits eine Karte der Akteure auf unserer Webseite veröffentlicht.

Ziel des Vereins ist es zudem die Geschichte der ostdeutsch-französischen Beziehungen weiter zu erforschen und die aktuelle Situation wissenschaftlich zu analysieren.

Wo sehen Sie besonderen Handlungsbedarf bzw. Chancen, die deutsch-französischen Beziehungen zu boosten?

Besonders wichtig sind mir persönlich die Städtepartnerschaften. Dies liegt auch in meiner eigenen Lebensgeschichte, die stark durch Städtepartnerschaften geprägt wurde, begründet. Aber auch objektiv betrachtet spielen Städtepartnerschaften eine immens wichtige Rolle. Es gibt nach unserem Kenntnisstand 187 Städtepartnerschaften zwischen ostdeutschen und französischen Städten. Die auf diese Weise mit Frankreich in Verbindung stehende Bevölkerungsanzahl ist sehr hoch. Da schlummert enormes Potential. Rund ein Viertel dieser Partnerschaften ist nicht mehr aktiv, was sehr schade ist. Bevor die Beziehungen gänzlich einschlafen oder nur noch auf dem Papier existieren, muss etwas passieren. Dafür braucht es aber Menschen, die sich mit Leidenschaft dafür einsetzen. Die Partnerschaften müssen aber auch sichtbarer werden. Oftmals wissen die Einwohner*innen der Städte nicht einmal, dass sie eine Partnerstadt in Frankreich haben. Die Bevölkerung muss noch mehr involviert und informiert werden. Insbesondere der Nachwuchsmangel ist ein großes Problem, an dem wir auch arbeiten möchten. Es muss gelingen städtepartnerschaftliche Projekte attraktiv für junge Menschen zu gestalten. Dazu braucht es jugendfreundliche Aktivitäten.

Gab es für Sie anfangs sogenannte „Kulturschocks“ in der Zusammenarbeit mit Personen aus Frankreich? Wenn ja, können Sie uns ein paar Beispiele nennen?

Da ich schon lange mit französischen Projektpartner*innen zusammenarbeite, habe ich in letzter Zeit keine solcher Kulturschocks erlebt. Da ich auch schon oft in Frankreich war, ist mir die Kultur und Mentalität inzwischen gut bekannt.
Früher, als Jugendliche war mein größter Kulturschock eigentlich die späten Essenzeiten in Frankreich. Ich war es aus meiner Familie gewohnt, um 18 uhr, teils sogar etwas eher zu Abend zu essen. Dies war in Frankreich nicht möglich und das war für mich damals eine große Umstellung. Auch das sehr verschulte Universitätssystem hat mich damals sehr überrascht, wenngleich ich natürlich im Vorfeld schon davon gehört hatte.

Sie haben einen Teil Ihres Studiums in Frankreich absolviert und sind schon viel mit der französischen Sprache und Kultur in Berührung gekommen. Gibt es Ihrer Meinung nach einen bestimmten Aspekt, in dem die Deutschen von den Franzosen lernen könnten?

Die Franzosen sind ja für ihr savoir-vivre bekannt. Hin und wieder können wir davon lernen und auch bei uns die Dinge etwas entspannter sehen. Ich muss gestehen, dass ich in vielerlei Hinsicht hier aber selbst sehr „klischee-deutsch“ bin, was Pünktlichkeit und durchgeplante Organisation bis ins Detail angeht.

Was sind Ihre deutsch-französischen Projekte für die Zukunft?

Zum einen möchten wir als KOF an verschiedenen Veranstaltungen in Ostdeutschland teilnehmen und unseren Verein bekannter machen. Unser erstes größeres Projekt ist ein digitales Netzwerktreffen der Akteur*innen des franco-allemand in Ostdeutschland, das am 8. September 2023 stattfinden wird. Es ist insbesondere an Städtepartnerschaftsvereine gerichtet, soll aber auch für andere Akteur*innen offen sein. Weiterhin möchten wir unser Zeitzeugenprojekt voranbringen und die Forschung zum Thema Frankreich-DDR-Beziehungen vertiefen. Ich persönlich beende gerade mein Promotionsprojekt und werde mich ab nächstem Jahr auch auf die Suche nach einem geeigneten Job im Bereich des franco-allemand machen und hoffe diesen mit der Arbeit in der KOF auch gut kombinieren zu können.

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